Meisterschaft 2016/17: SV Friesenheim - FCL 5:6

FCL Herren drehen ein verrücktes Spiel

Es gibt Spiele, für die man kaum Worte finden kann. Vollkommen verrückt und in 14 Jahren Amateurfußball bisher so nicht erlebt, ist das, was der Autor dieser Zeilen am vergangenen Sonntag in Friesenheim erlebt hat. Der Versuch eines (halbwegs) objektiven Spielberichts:

Am gestrigen Sonntag ging es für das Team der FCL-Herren Spitzenreiter zum Tabellendritten aus Friesenheim. In der Vorwoche konnte man trotz sehr mäßiger Leistung und einigen fehlenden Stammspielern die TSG Hechtsheim II zu Hause mit 2:0 schlagen (Torschützen: Zimmermann, Wagner) und fuhr somit als Spitzenreiter nach Friesenheim. An geordnetes Training war unter der Woche nicht zu denken, die Urlaubs- und Verletztenliste zu lang. Doch rechtzeitig zum Spiel kehrten die Urlauber zurück und die angeschlagenen Spieler waren alle mehr oder weniger einsatzbereit. Coach Thomas Kraft befand sich zwar in seinen wohlverdienten Ferien, aber so stellte der aktuell verletzte Co-Trainer Hof die Mannschaft auf die Begegnung ein. Man wusste, dass eine sehr schwere Partie gegen einen motivierten Gegner mit schwierigen Platzverhältnissen bevor stand, und daher rotierten auch die Stammkräfte Ries, Vogelsang und Duah wieder in die Startelf, in der auch der noch angeschlagene Kraft zu finden war.

Die Partie begann wie erwartet: Die Gastgeber standen hinten massiert und versuchten mit langen Bällen auf die schnellen Offensivleute zum Erfolg zu finden, was auch gelang. In den ersten 20 Minuten der Partie kam der FCL überhaupt nicht dem nassen und sehr hohen Rasen zu Recht, dazu kam fehlendes und naives Zweikampfverhalten und so befand man sich bereits nach gut 10 Minuten mit 0:2 in Rückstand:  Nach zwei gespielten Minuten schlug ein wunderschöner Sonntagsschuss aus 25 Metern im Tor des machtlosen FCL-Keeper Metzler ein und 10 Minuten später setzte der Gastgeber einen Konter über einen langen Ball auf den schnellen Stürmer, der sich über die rechte Angriffsseite durchsetzte und im Strafraum auf seinen mitgelaufenen Mitspieler legte, der locker einschieben konnte. Der Spielstand kam den Gastgebern natürlich sehr entgegen, Friesenheim verlegte sich nun vollständig aufs Verteidigen und schnelle Gegenangriffe nach Ballverlusten auf Seiten des FCL, die es in Halbzeit Eins zu Hauf im Aufbauspiel gab. Jedoch entwickelte sich ab Mitte der ersten Hälfte eine offene Partie: Der FCL schaffte es des Öfteren, sich ins letzte Angriffsdrittel zu kombinieren und kam dann mit einem Standard zurück ins Spiel. Einen Freistoß von der rechten Seite zog Kraft scharf in den Fünfmeterraum, wo Duah herangerauscht kam und per Kopf den Anschlusstreffer markierte (28. Min.). Die kalte Dusche gab es jedoch gleich im Gegenzug: Erneut schaffte man es nicht konsequent gegen den Ball zu arbeiten und bekam trotz Überzahl in der Defensive den Ball nicht geklärt: Ein Friesenheimer wurde halblinks an der Strafraumkante freigespielt und traf per Flachschuss ins kurze Eck (29. Min.). Kurz darauf war es dann einer der zahlreichen, schlecht verteidigten Standards an diesem Tage, der nochmals für Gefahr sorgte und es war Glück, dass die Kopfballbogenlampe nur auf die Latte tropfte und man nicht höher in Rückstand geriet. Vor der Pause konnte man allerdings noch mit dem schönsten Angriff der ersten Halbzeit für den erneuten Anschlusstreffer sorgen. Der ansonsten in der ersten Hälfte blasse Kraft konnte über die rechte Seite einmal Tempo aufnehmen, in die Schnittstelle auf den eingelaufenen Zimmermann passen, der an der 16 Meter vor dem Tor mehrere Gegenspieler auf sich zog und auf halblinks durchsteckte – Vogelsang nahm den Ball 12 Meter vor dem Tor nochmal an und schob flach an dem auf ihn zustürmenden Friesenheimer Torhüter vorbei ins Eck (39. Min.). Mit dem etwas schmeichelhaften Ergebnis von 2:3 ging es somit in die Pause – und wer nach 5 Toren in einer Halbzeit bereits von einer ereignisreichen Halbzeit sprach, der musste sich ob der noch kommenden Flut an Ereignissen besser anschnallen.

Die zweite Hälfte begann ausgeglichen: Der FCL war jetzt etwas besser im Spiel, die Gastgeber wirkten ob des Tempos in Halbzeit ein wenig müde und mussten auch zunächst nichts mehr fürs Spiel tun. Nach knapp einer Stunde folgte dann allerdings der nächste Nackenschlag: Ein Freistoß wurde von Höhe der Mittellinie in den Strafraum geschlagen, der Ball konnte nicht geklärt und der zweite Ball landete wie so oft an diesem Tag bei einem Friesenheimer. Aus 5 Metern ließ dieser sich nicht zwei Mal bitten und schob zur 4:2 Führung ein (58. Min.). Diesmal antworte der FCL allerdings postwendend: Der jetzt endlich in Normalform agierende Kraft setzte sich über rechts durch, schob vor dem Tor nochmals quer auf den mitgelaufenen Vogelsang, der den Ball aus spitzer werdendem Winkel nur parallel zurück zum Tor löffeln konnte, wo Kraft mit Willen den Ball aus kurzer Distanz in die Maschen köpfte – erneut der Anschluss (60.Min.). Der FCL drückte die Friesenheimer jetzt in die Defensive – die beste Chance konnte der Friesenheimer Keeper stark parieren, der einen Zimmermann Kopfball nach Vogelsang-Flanke von links noch von der Linie kratzte.

Das Spiel bog auf die Zielgerade ein und jetzt überschlugen sich die Ereignisse: Nach gut 82 gespielten Minuten ließ FCL Keeper Metzler sich beim Holen des Balles für einen Abstoß vor der Friesenheimer „Fankurve“ hinter seinem Tor unnötigerweise in ein Wortgefecht verwickeln, Nettigkeiten wurden ausgetauscht, als plötzlich ein Friesenheimer Betreuer von der ein paar Meter entfernten Terrasse angeschossen kam und mit einer Handgreiflichkeit die Diskussion abrupt beendete. Es folgten kurze, tumultartige Szenen – die Emotionen kochten kurzzeitig hoch und da Keeper Metzler noch am Boden lag, entschied sich der Schiedsrichter, die Partie zu unterbrechen, um seinen Obmann anzurufen und diesen zu fragen, was zu tun sei. Knapp 10 Minuten später schickte der Schiedsrichter beide Teams wieder auf das Feld – den k.o. gegangenen FCL-Torhüter Metzler, der in Halbzeit Eins bereits mit gelb verwarnt worden war, schickte er allerdings mit gelb-rot vom Feld und sah somit keine Notwendigkeit, die Partie abzubrechen. Pure Fassungslosigkeit ob dieser Entscheidung beim FCL, dass man für das Fehlverhalten der Heimzuschauer bestraft wurde. So schwer dies zu begreifen war, musste man versuchen, das Spiel konzentriert anzugehen, um vielleicht doch noch etwas Zählbares mitzunehmen: Ohne seinen Torhüter, mit Peter rückte an seiner Stelle ein Feldspieler ins Tor, und einem Mann in Unterzahl musste Hof sein Team wieder aufs Feld schicken. Was folgte waren denkwürdige 8 Minuten plus Nachspielzeit: Zuerst traf Friesenheim mit einem Flachschuss aus 18 Metern nur den Pfosten und Interims-Keeper Peter konnte den Abpraller souverän zur Ecke klären. Dann stocherte kurz darauf Zimmermann eine Freistoßflanke nach Gewühl im Strafraum aus kurzer Distanz ins Netz und auf der Lörzweiler Bank feierte man schon den unverhofften Ausgleich (85. Min.). Doch an diesem „Tag des offenen Tores“ in beiden Abwehrreihen war dies noch lange nicht alles. Nach einem fragwürdigen Freistoß für Friesenheim verteidigte der FCL erneut schülerhaft und Friesenheim ging erneut mit 5:4 in Führung (87. Min.). In der letzten Minute der regulären Spielzeit brachte Kraft schließlich eine Ecke auf den am kurzen Pfosten eingelaufenen Zimmermann, der den Ball irgendwie an Freund und Feind vorbei über die Linie bugsierte (90. Min.). Mannschaft, Bank, Betreuer und Zuschauer des FCL im Jubeltaumel. Kurz darauf schickte der Schiedsrichter Metten mit gelb-rot wegen wiederholten Meckerns zum Duschen, da der Schiedsrichter Co-Trainer Hof einen weiteren Spielerwechsel verweigern wollte, mit dem unverständlichen Hinweis auf unsportliches Zeitspiel. Interessantes Verhalten des mittlerweile total verunsichert wirkenden Schiedsrichters, aber letztlich ein korrekter Platzverweis. Doch das Spiel bot noch ein letztes Highlight: Weit in der Nachspielzeit ein letzter Freistoß für den FCL auf Höhe der Mittellinie, während beim FCL bereits alles auf den Abpfiff hoffte. Innenverteidiger Kerzel schlug den Ball in den Friesenheimer Strafraum und „Nana“ Duah machte sich zum Helden des Spiels, in dem er den Ball per Kopfballbogenlampe in die Maschen versenkte. Exzessive Begeisterung. Vollkommen ekstatischer Ausnahmezustand. Schlusspfiff. In doppelter Unterzahl das Spiel, in vollkommen verrückten 8 Minuten mit zwei Feldverweisen und 4 Toren, noch in ein 6:5 Auswärtssieg gedreht

Fazit (und Anmerkung in eigener Sache):
Selbst mit 2 Tagen Abstand finde ich es schwer, einen objektiven, möglichst wertfreien Bericht zum Spiel zu schreiben. Die Entscheidung unseren Torhüter mit gelb-rot zu bestrafen mag zwar regelkonform sein, man kann jedoch nicht ernsthaft verstehen und nachvollziehen, wie sich ein Schiedsrichter vorstellt, eine Partie unter diesen Umständen normal fortsetzen zu können. Als Gastmannschaft wird unser Torhüter von einem Vereinsverantwortlichen attackiert, danach wird der Torhüter des Feldes verwiesen und das Spiel muss mit einem Feldspieler im Tor und in Unterzahl fortgesetzt werden. Fassungslosigkeit ist das harmloseste Wort was mir an dieser Stelle dazu einfällt. Letztlich kann man mit einem Lachen darüber berichten, da die Mannschaft sich mit einer unglaublichen Willensleistung noch belohnt hat. Ein Kompliment an beide Mannschaften, die sich ansonsten vor und nach der vielleicht spielentscheidenden Szene absolut fair zueinander verhielten, auch der Friesenheimer Trainer war ein absoluter fairer Ruhepol. Schade, dass ein zumindest offensiv hochklassiges und sehr unterhaltsames Spiel auf diese Art und Weise beeinflusst wurde – einen Verlierer hatte dieses Spiel eigentlich nicht verdient.

Durch die Vereinsbrille hindurch lässt sich abschließend noch folgendes konstatieren: So etwas erlebt man als Fußballer nur ganz selten und mit welchem Willen und Zusammenhalt das Team nach dem Platzverweis in den letzten 8 Minuten agierte, davor kann man nur den Hut ziehen. Ein absolut einmaliges Erlebnis, von dem die Mannschaft hoffentlich noch lange zehren wird und worüber man noch in ein paar Jahren sprechen wird. Klassischer Fall von „Damals in Friesenheim…“. Jetzt liegt es an der Mannschaft weiter hart zu arbeiten, um auch die Saison zu einer besonderen und nicht nur einer von vielen werden zu lassen. Am kommenden Sonntag ist die Mannschaft spielfrei und danach steht als letzte Partie der Hinrunde der schwere Gang zu UDP Mainz an. Aber bis dahin darf die Mannschaft noch die Einzigartigkeit dieses magischen Moments genießen, als sich Nanas Kopfball in der 93. Minute ins Tor senkte und selbst bandscheibengeplagte, verletzte Trainer wie wundersam geheilt über den Platz sprinten konnten. Unbeschreiblich – man muss dabei gewesen sein…

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